Montag, 30. März 2009

Sturmhöhe von Cathy Marston



Endlich ist Cathy Marston die ausgewogene Geschichtserzählung gelungen! Nicht mehr verfolgt sie Schritt auf Tritt und Schuß auf Schuß die (Kriminal)geschichte der russischen Zarenfamilie wie bei ihrem Berner Einstand mit Feuervogel. Auch lässt sie nicht, im anderen Extrem, gänzlich von Handlungen ab, um dafür im Seelenleben eines Dichterpaars ganz ohne Anhaltspunkte zu schwelgen. Das neue Stück Sturmhöhe ist abstrakt und psychologisch konkret genug.

Dabei hätte Sturmhöhe durchaus daneben gehen können: Der viktorianische Roman von Emily Brontë birgt mit ihren vertrackten Schicksalsverflechtungen dramaturgisches Risiko für den Tanz. Die Choreographin und der Librettist Ed Kemp haben aus Fehlern gelernt und den Roman auf fünf Protagonisten zurückgestutzt. Doch vorerst ist der Zuschauer verwirrt: denn wenn man - der Rollenverteilung folgend - den Tänzer Erik Guillard von Gary Marshall oder Chieng-Ming Chang nicht unterscheiden kann, so auch nicht ihre drei Rollen, in denen sie um Catherines Gunst buhlen. Einer ist das adoptierte Findling Heathcliff, der von klein auf mit Catherine unzertrennlich verbunden sei, wie uns das Programmheft aufklärt. Der andere ihr eifersüchtiger ältere Bruder. Und der dritte, der spätere Bräutigam Elgar. Mit der Zeit wächst aber unser Verständnis, denn jugendlich-neckisch ist der Umgang zwischen Schwester und Stiefbruder, autoritär gebietend der des älteren Bruders, vornehm fordernd des Bräutigams. Catherine kann sich scheinbar nicht zwischen den beiden Freiern, dem Adoptivbruder und Edgar, gefühlsmässig entscheiden und beugt sich der Konvention der arrangierten Partnerwahl. Das Publikum mag ihrer statt auch nicht erwägen, welcher mehr Anrecht auf ihr Herz hätte. Denn Identifikation mit einer Figur verweigerte schon der Roman. Unsympathisch-allzumenschlich sind die Figuren nämlich alle. Catherine will nach ihrer Vermählung von der innigen Beziehung mit Heathcliff nicht lassen. Der Gatte krümmt sich vor Gram, der ältere Bruder ächtet den Adoptivbruder dafür und dieser rächt sich wiederum am Schwächsten, an der wehrlosen Schwester des Schwagers, an Isabella. An diesem Racheakt schliesslich zerbricht Catherine. So viel an Elend entnimmt der Tanz dem Roman.

Das Gespann Marston & Kemp hat eine Entwicklung vollzogen. Sie fanden diesmal bedeutsame Gesten und Requisiten, die nicht konkrete Handlung darstellen wie das Träufeln von Gift in ein Glas (im Stück Gespenster). Sie suchten solche, die die wechselnde Befindlichkeiten und psychologische Ausweglosigkeiten veranschaulichen. Wenn es dem älteren Bruder angesichts der verantwortungslos verführenden Schwester den Magen umdreht, so hängt er bewegungslos über dem Rand eines hohlen Kubus, wie am Abort. Wenn der geächtete Stiefbruder unheilvoll droht, hängt Isabella dort. Als sich der Gekränkte ihr naht und sie herausfordert, läuft sie auf dem Rand wie am Abgrund. Dass dieser Rachlustige ihr dabei Stütze bietet, macht den Tanz makaber. Der schwarze Kubus war Versteck für Verspielte, übt Sog auf Verzweifelte aus, ist Schutz vor Rache und letztlich Catherines frei gewählter Sarg. Ein andres vielfältig Ding ist der Stuhl. Vier davon bilden eine ausgewogene Gesellschaft, mit den zwei 'echten' Geschwistern und dem Bräutigam samt Schwester. Vier davon wie Pfeiler im Quadrat mittig aufgestellt festigen den Ausschluss des adoptierten Störenfrieds. Stühle bieten Form und Formalität, die Steifheit verspricht englische Noblesse. Umgestülpt bilden sie mal Chaos mal Gefahr. Gereiht recken sie die Beine gen Himmel und säumen wie Spaliere einen Weg für die gepeinigte Isabella. Sie wird ihn in einer Folge von einwärts kontraktierten Bein-Attitüden bis zum bitteren Ende gehen (eindrucksvoll getanzt von Hui-Chen Tsai). 

Doch Vertrauen in starke Bilder und bedeutsame Bewegungen sind nicht Marstons Stärke. Schon immer suchte sie Zuflucht in virtuosen Schrittfolgen, wirbelnden Höhenflügen und schweisstreibender Schnelligkeit. Die Musik treibt sie diesmal nicht. Dave Maric's Auftragskomposition leistet ein meist unspektakuläres Live-Zwiegespräch eines Kontrabassisten mit seinem elektronisch aufgezeichneten und verfremdeten Alter Ego. Mitunter meint man orchestrale Fülle und Winde aus Yorkshire zu vernehmen, dann wiederum dünnt sich der Klang aus. Ausgerechnet dort, wo die Hauptfigur ihren choreographisch selten so präzis dosierten Wutausbruch markiert (interpretiert von der wandlungsfähigen Jenny Tattersall). Was ist, was Marston treibt? Ihre nicht zu bremsende Schrittkombinatorik? Dabei sind es die wenigen Leitmotive und Wiederholungen, die augenfällig sind. Es ist selten das Gewicht in einer Bewegungsphrasierung das ins Gewicht fällt. Bei der Geschwindigkeit schon gar nicht. Das Erdene verfliegt geradezu. Selbst als Catherine durch das Schicksal gebrochen ihre Haltung verliert, ihren Kopf in die Hände gestützt am Boden sitzt und in einer Kettenfolge immer wieder seitlich abkippt und sich überschlägt, stösst kein Ellbogen auf, eckt keine Kante am Boden an. Sie rollt über die Abgründe des Lebens hinweg wie ein - Stehaufmännchen. 

Cathy Marston wird ihren Weg machen, denn was sie treibt ist Ehrgeiz. Im kommenden Monat ist sie mit diesem Stück im Linbury Theatre des Royal Opera House zu Gast. Die vielseitige Companie wird mit einem erweiterten Programm auf der England-Tournee gewiss erobern.

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