Donnerstag, 1. Oktober 2009

Über den Tanz

erschienen in ensuite Nr. 81,
sowie in Wolfgang Lamprecht (Hg.) Weissbuch Kulturjournalismus, Löcker Verlag, 2011, S. 496-502.


Heinz Spoerli zum Kritikerpreis und über Medien
Der Platz des Tanzes in den Medien soll hier beleuchtet werden. Eine Schlüsselfigur des Schweizer Tanzes nahm sich dieses Thema zu Herzen : Heinz Spoerli.
KS : Herr Spoerli, als Ballettdirektor des Züricher Opernhauses haben Sie gleich zwei renommierte Preise dieses Jahr erhalten, den deutschen Tanzpreis und mit acht Künstlern anderer Sparten den Kritikerpreis. Ihrer Companie und der Tanzsparte an Ihrem Haus geht es blendend. Dennoch sind Ihre Abschlussworte der letzten Dankesrede an eine medienübersäte Hörerschaft eindringlich : « bitte halten Sie dem Tanz - ob modern, klassisch oder Tanztheater - die Treue, denn er hat es dringend nötig. » Was meinten Sie damit ?
HS : Lassen Sie mich erst generell, dann tanzspezifisch antworten.
Die Presse unterschätzt generell die Kultur. Nicht erst in der Krisenzeit. Dabei lesen die Menschen, wenn sie die Zeitung in die Hand nehmen, zuerst einmal das Feuilleton und Sportteil. Dann erst Wirtschaft und Politik. Sie wollen durchaus kulturell informiert sein und sich eine Meinung bilden können. Wenn die Presse am Feuilleton spart, macht sie einen grossen Fehler.
Was den Tanz betrifft ist die Meinungsbildung in den letzten 50 Jahren beschwerlicher geworden. Früher gab es nur das Ballett und den modernen Tanz, was zur Kunst zählte. Seitdem entstanden viele neue Arten wie der postmoderne Tanz, aber auch Breakdance, und es mischten sich Formen wie beim Tanztheater oder der heutigen Performancekunst. Unlängst wurde gar der asiatische Kampfsport der Shaolin-Mönche vom Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui eingebaut.
KS : Ist das ein Nachteil ?
HS : Für die Berichterstattung schon. Die Diversifikation erfordert einen Überblick, will man fundierte Meinungsbildung. Einen Überblick in der zeitlichen Spanne, in der Entwicklung des Tanzes, aber auch in der Breite. Welcher Kritiker hat diesen heute noch ?
KS : Warum ? Konnten sich die Kritiker nicht mitentwickeln ?
HS : Zum einen ist die gegründete Presseschule sehr jung. Und Tanzkritik ist auch kein Metier mehr. Die letzten der Zunft haben ihre Posten geräumt. Der legendäre Jochen Schmitt der FAZ (Frankfurter Allgemeinen Zeitung) wurde vor über 10 Jahren gekündigt, Lilo Weber verlor ihre frühere Stellung bei der NZZ. Es gibt keine fest angestellten Tanzkritiker mehr in der Schweiz. Früher hatte ein Kulturjournalist ein Ressort, heute bis zu drei, vier. Zum anderen sind es junge Berufsanfänger, die auf dem Feld des Tanzes die journalistische Feder spitzen. Da ist Spezialisierung und Erfahrung ein Fremdwort. Zum dritten fehlt der Weitblick wegen der lokalen Enge : Die Zeitungen zahlen keine Reisen mehr. Jochen Schmidt hatte noch ein eigenes Reisebudget.
Dagegen ist die Tanzkunst sehr mobil. Zumal sie keine Sprachbarrieren kennt. Sie holt sich die Inspiration für ihr Schaffen weltweit. Als ich in Montreal tanzte, ging ich mir alle wichtigen Choreographen in New York anschauen. Das war sehr wichtig. Der Tanz saugt die Einflüsse in Windeseile auf. Die Presse hinkt da hinterher.
KS: Der gesamte Kritikerberuf fühlt sich wie eine aussterbende Spezies, meinte der deutsche Kritikerverband…
HS : Ja, aber auch ganze Sparten sind gefährdet. Wenn ein Haus eine Sparte wegspart, schneidet es sich in das eigene Fleisch. Das Theater braucht ein vielfältiges Publikum. Wenn es mit der Schliessung ein interessiertes Publikum verliert, verliert es mit diesem auch potentielle Besucher der anderen Sparten, ihre Vielfalt und schlicht Attraktivität.
KS : Und was erwarten Sie von einer Tanzkritik mit Qualität ?
HS : Ich habe keine Probleme mit den Kritiken. Wenn sie schlecht ausfallen, sollten sie dies nur gut begründen. Für meine Tänzer aber wünsche ich, dass ihre Leistung gewürdigt wird. Nicht nur das Stück sollte besprochen werden, auch die Interpretation. Das ist insbesondere für die Entwicklung der Tänzer wichtig.
KS : Ihre kurze Dankesrede wurde nie gehalten. Sie schickten sie mit der darin enthaltenen Bitte um Treue an Pro Helvetia, Ihren Hauptsponsor UBS und Davidoff, sowie an manche Kritiker…
HS : Nachdem acht Preisgekrönte fast drei Stunden redeten, unterliess ich sie.
KS : Und mit Ihnen schwieg der Tanz.
Aufgabe von Kritiken
Während vor fünf Jahren den Saisonauftakt des Züricher Balletts noch 12 verschiedene Kritiker im deutschsprachigen Raum kommentierten, waren es dieses Jahr nurmehr 7. Eine Rezension davon wurde zumindest auf der online-Seite gleich von fünf Blättern übernommen (diejenige des Tagesanzeigers vom Berner Oberländer, Berner Zeitung, Thuner Tagblatt, Thurgauer Zeitung und, klar, vom Züritipp).
Die Einsparungen, Fusionen und Schliessungen von Tageszeitungen können den Erfolgreichsten nicht viel anhaben. Die kleinen Kreativen aber darben. Sie haben die Kritiken als Referenz nötig, wenn sie ihre Projekte bei Finanzierungsgesuchen einreichen. Man würde meinen, auch Geldgeber und die öffentliche Hand müssten an solchen Evaluierungen interessiert sein. Auf gewichtigeren Gebieten werden unabhängige Fachleute mit Gutachten beauftragt, bevor Gelder für Projekte locker gemacht werden. Ihre Honorare sind majestätisch. Die von freien Zeitungsmitarbeitern für eine Kritik 140 CHF[1].
Bewertung zu leisten ist also eine Aufgabe von Kritiken. Vorallem aber sollen Kritiken laut einer Umfrage unter Lesern informieren.[2] Und zwar deskriptiv, plastisch und nachvollziehbar. Die Interpretation, in der so manche schwelgen, oder Erklärungen mögen daraus hervorgehen, seien aber zweitrangig. Dass diese Kritik an die Kritiker heute so deutlich formuliert wird, beweise laut Autor der Umfrage : die Mehrzahl der Kritiker gebärdet sich in den Texten eitel, überheblich aus einer auktorialen Haltung heraus, befangen in einer Jahrhunderte alten Tradition von Theaterkritik. Angesichts der miesen Note, die die Leser dieser Berichtsform erteilen ist da das Aussterben keine Erlösung ? Nein, ergibt die Untersuchung. 72% wollen nicht weniger und 23 % gar mehr.[3]
Der Autor Vasco Boenisch rät in seiner Analyse zur qualitativen Umkehr, zu der Hinkehr zur Dienstleistung für den Leser als mündigen Kunden : « Der Kunde will, (..) zunächst einmal informiert werden, umfassend informiert werden ; er will etwas an der Hand genommen und nicht vor den Kopf gestossen werden, er will nachvollziehen können statt staunen müssen ; er will vom Kritiker lernen, nicht ihn anbeten ; er will ein Bild, keinen Stempel. »
Plastische Beschreibung, Erklärung und schlüssige Wertung sind demnach die Hauptpfeiler einer fundierten Kritik.
Ferner erwarten die Verbraucher auch das Einbetten eines Stückes, seines Schöpfers und der Interpretation in die Theaterlandschaft und einer etwaigen Tradition. Wie sollen sie sonst die Relevanz der Kritik einordnen ? Es steht nicht wenig auf dem Spiel : unsere beschränkte Speicherkraft und das Budget : « Lohnt es sich den Namen zu merken ? Will ich das nächste Mal ein Stück der Companie, des Schöpfers sehen? »
So gewachsene Entscheidungen generieren ein mündigeres Publikum, das weniger frustiert ist von bösen Überraschungen.
Doch werden Journalisten unter vermehrtem Zeitdruck und ohne Reisebudget diesen Service uns leisten ? Der genannte Forscher schmunzelt über Fälle « rührender Selbstausbeutung »[4].
Andere Textformen über den Tanz : Fast Food
Ganz im Trend des leichteren Konsums hat mancheine Zeitung ihren Verzehr mit 20 Minuten angepriesen. Zeitungen im allgemeinen bieten ein abwechslungsreiches Menu auf ihrer Kulturkarte. Events sind zweifellos das Hauptgericht, im Feuilleton mit Empfehlung gar des Chefkochs serviert. Porträts, Interviews und Vorberichte sind ‘in’, weil leicht bekömmlich. Schwerer im Magen liegen da schon die Kritiken. Warum ?
Ein bekannter amerikanischer Tanzkritiker, Edwin Denby, beschrieb es so : « Dance criticism has two different aspects, one is being made drunk for a second by seeing something happen ; the other is expressing lucidly what you saw when you were drunk » (Tanzkritik hat zwei unterschiedliche Aspekte, einer ist für einen Augenblick an dem Geschehen, das man sieht, betrunken zu werden ; der zweite ist, glasklar auszudrücken, was Du sahst, als du betrunken warst.)
Warum nicht den Leser in diesen Dunst & Durchblick einbeziehen ? Der Leser sollte auch benommen sein von der Atmosphäre im verspielt anschaulichen Text. Dann soll der Leser durch die Federführung nüchtern nachvollziehen können, wie diese Wirkung des Stückes zustande kam. Diese widersprüchliche Aufgabe macht das Gericht bei der Herstellung zum Slow-Food. Die feine Zubereitung (« gut geschrieben ») sollte den Geniesser das nicht merken lassen. Doch die Dichte des Geschmacks und hoffentlich des Gehalts bleibt beim unangemessenen Verschlingen halt im Halse stecken…
Ein Leckerbissen
Manche Haute Cuisine erhält ihre fünf Sterne. Letztes Jahr ging der Schweizer Greulich-Kulturpreis, der herausragende Leistungen im Kulturjournalismus würdigt, an jemanden, der das richtige Rezept für den Tanz hat: « Mit ihrer Entscheidung für Alexandre Demidoff würdigt die Jury dessen beständiges Engagement für eine moderne Vision von Ballett und Tanz und zugleich die stilistische Brillanz des Kritikers von Le Temps », heisst es auf der Homepage der Stiftung.
Drei Zeitschriften in neun Jahren verschwunden
Wenn Kulturredaktionen – nicht nur sie - zurückgestutzt werden, das Feuilleton sich lichtet, Kulturbeilagen Federn lassen und sich zu Lifestyle-Magazine mausern wie beim NZZ, wer könnte da gegensteuern ?
Sollte die Tanzzunft eine eigene Zucht hervorbringen, um in den Printmedien präsent zu sein? Viele Engagierte waren dieser Meinung und gründeten aus Privatinitiativen heraus Fachblätter. Das österreichische Tanz Affiche entstand so, auch sein schweizer Pendant Tanz der Dinge von Wolfgang Brunner. Doch wenn der Herausgeber verscheidet, nimmt er ein Stück Kulturgut mit sich (Einstellung 2006). Da würden Tanzblätter in Form von Verbandszeitschriften Menschenleben überdauern, würde man meinen. Und wenn Verbände fusionieren, können sie gar gestärkt hervorgehen, wie man Ende 2007 den jeweiligen Mitgliedern des Verbands der Lehrenden[5] und denen der künstlerisch Schaffenden[6] verkündete. Doch das Gegenteil war der Fall. Das Sprachrohr der Tanzschaffenden der Schweiz Tanz la danse Suisse ging bereits im Juni 2000 ein, das Verbandsorgan Tanz & Gymnastik des Lehrerverbands 2007 bei der Vereinigung.
Die papierne Materialisierung von Tanzbesprechungen stand aber noch lange auf der Tagesordnung des vereinigten Tanzdachverbands. Verhandlungen und Finanzierungspläne folgten. Aber keine Zeitschrift.
« Das Ableben der schweizer Tanzfachzeitschriften muss man in der globalen Dürre der Presselandschaft eingebettet sehen », meint die Tanzwissenschafterin und ehemalige Festival-Coleiterin der Berner Tanztage Claudia Rosiny. « Schon seit langem lieferte uns der Medienprofessor R. Blum der Universität Bern die Analyse : der schweize Markt ist schlicht zu klein. Wir müssen nach Alternativen sinnen. » Na, dann liegt Dansesuisse ja goldrichtig, indem sie 2000 online ging. Ähnlich wie bei der grossen Schwester tanznetz.de sind hier Biographien, Auszeichnungen, Hintergrundsinformation und Ankündigungen abrufbar. Verpassen Sie vor allem ihren Veranstaltungskalender nicht ! Doch wo sind die Kritiken, die bis 2005 geschrieben und bis 2008 einsehbar waren ? « Zu unseren Mitgliedern gehören Choreographen und Interpreten. Es gibt einen Interessenkonflikt, wenn nicht alle und nicht alle gleich gut besprochen werden » resümiert Gianni Malfer, Verwalter von DanseSuisse, das Problem.
Das ist aber ein Dolchstoss. Denn schon vor der ‘Bereinigung’ dieser ungemütlichen Kritiken förderte der von Regierung wie Betroffenen ausgeklügelte ProjektTanz[7] bei seiner Aufbahrung vor der Presse den Notstand zu Tage : « Die Berichterstattung über Tanz in den Schweizer Medien nimmt ab. Die verschiedenen Sparrunden bei Tageszeitungen in den letzten Jahren liessen auch die Kritiken und Texte über Tanz weniger werden. Dabei hat gerade diese Kunstsparte grossen Nachholbedarf an Vermittlung und Reflexion in den Medien. »
Im Zuge dieser Vivisektion der Tanzsparte entstand das Netzwerk RESO, das dem auf Herz und Nieren geprüften Patienten postoperatives Leben einhauchen soll. Es wacht über das reibungslose Zusammenspiel seiner Organe (und der Organspender Bund, Kantone und Städte) [8]. Es wird wohl seine Gedanken machen müssen angesichts des diagnostizierten Nachholbedarfs in den Medien. Doch seine Strategie ist bislang nur punktuell : am Tag des Tanzes inszeniert es ein Spektakel, das bunt und breit ist wie die Schweiz, ein Event und willkommenes Futter für die Medien.[9] Dabei weiss RESO es besser. In seiner Bibel zur Kulturvermittlung leuchtet durchaus das Gebot gegen den Götzendienst: Um neben der Entertainmentindustrie mit einem stetig wachsenden (Über-)angebot bestehen zu können, ist es zur Notwendigkeit geworden zu vermitteln, worin die besonderen Werte der Kunst für den Einzelnen und die Gesellschaft bestehen.”
Welches darf das bevorzugte Medium der Vermittlung dieser frohen Botschaft sein?
Über Schweizer Tanz im Ausland
Zur Bestattung der letzten Zeitschrift Tanz & Gymnastik, durfte der Tanzverantwortliche von Pro Helvetia sein Credo (oder Beileid ?) im letzten Heft abdrucken: « Der Schweizer Tanz braucht eine qualitativ hochstehende Tanzzeitschrift. Diese würde die Anerkennung des Tanzes fördern und wertvolle Vermittlungsarbeit leisten. » Er muss es wissen, denn Pro Helvetia ist der kompetente Fürsprecher für den Schweizer Tanz im Ausland. Diese wertvolle Vermittlungsarbeit fehlt und es fehlen auch die Mittel. So spricht Pro Helvetia von zwerghaften Subventionsmittel im Vergleich zu denen der Giganten [10] unseres Globus. Da wird gern etwas Kleines aus der Tasche der Kulturbotschafter gezaubert : das neue Promotions-Medium ist eine DVD. Sie heisst Swiss Dance Selection und stellt regelmässig die Tänze der letzten zwei Jahre auf einen virtuellen Laufsteg, welche die hiesigen Tanzdesigner entworfen haben. In vier Kategorien präsentieren sich namhafte Haute Couture und avantgardistische Newcomer. Auf diesem flimmernden Medium wird Schweizer Tanz von Pro Helvetia gebrauchsfertig durchgestuft : medium scale, 10m x 12 m etc.[11]
Sprachlose und flüchtige Kunst
Ob über sie ein Wort verloren wird oder nicht, das schert die lebenslustige Terpsichore wenig. Sie wird weiter frohlockend ihre flüchtigen Kreise ziehen. Und wen störte es, wenn sie keine Spuren hinterliesse ?
Nun, die frisch etablierte schweizer Tanzwissenschaft. Sie muss verflossenem Tanz nachspüren und seiner habhaft werden können. Und zweitens die Archive, die das kulturelle Gedächtnis der Nation sind. Die Theatersammlung in Bern zeichnet so seit den 80ern die in der Schweiz empfangbaren TV-Tanzsendungen auf. ( « Mit Lücken, denn wer von uns hat Zeit, alle Programme durchzuschauen.. ? » meint der Leiter der Dokumentation), die Mediathek Lausanne seit 1993. Die unbekannteren Companien, die Fernsehkameras nicht kennen, werden von der bald öffentlich zugänglichen Mediathek in Zürich ermuntert, sich selbst zu dokumentieren. Der professionnelle Rat dazu wird erteilt. Bislang ist der Bestand der Mediathek noch nicht katalogisiert. Bei der Finanzierung aus Privat- und Stiftungsgeldern war das bislang nicht drin. Die nationale Tragweite der Mission wird der Bund wohl erst 2013 schultern. Ab da sind beide Mediathek-Standorte Lausanne und Zürich einheitlich katalogisiert und die Titel in das universitäre Online-Bibliothekssystem IDS [12] laut Plan eingespeist.
Medium TV
Und was, wenn sich die flüchtige Kunst mit der Kamera einfangen und dem ihm entsprechendsten Medium, dem bewegten Bild des Fernsehens zuführen liesse ? Wenden wir uns der Fernsehanstalt zu, die Kunst in ihrem Namen trägt. Arte hat tatsächlich (in Zusammenarbeit mit NBS und BBC) dem Tanz viele Jahre lang die beste Sendezeit eingeräumt : Sonntags 20.15 Uhr. Man mag zwar von gewissen ästhetisierenden Akzenten halten was man will, wo der Zoom auf dem Glanz schweissgebadeter Haut und schwingendem lichtdurchfluteten Haar war, doch dem Zuschauer wurde ein Riesendienst erwiesen. Eine äusserst grosse Spannbreite, thematisch originell gruppiert, wurde überschaubar (25 Minuten) und vor allem : zuverlässig zur selben Zeit serviert. Seit 2007 ist damit Schluss. Am Geld liege es nicht, meint der stellvertretende Redaktionsleiter Musik/Theater/Tanz bei Arte. Das sinnvolle massgeschneiderte Portionieren fällt da eher ins Gewicht. Seit NBS und BBC ihre Reihe einstellte, stellte sich Arte um : punktuelle Events wie Festivals seien gefragter, heisst es. So vergehen manche Monate ohne ein für Arte sendewürdiges Tanz-Highlight.
Statistiken über Tanz
Zwanzig Jahre lang war das gesamtschweizerische Kulturverhalten ein blinder Fleck im Spielraum von kulturpolitischen Verhandlungen : es war vom Bundesamt für Statistik nicht erfasst und so zahlenmässig nicht belegbar. In diesem Sommer legte es Daten zum Kulturverhalten der Schweizer Bürger vor. Und siehe da, sie speisen unsere Argumente mit Zahlen !
Die Häufigkeit eines Besuchs von Tanz liegt im Vergleich zu dem von (auch Pop-) Konzerten, Kino und historischen Stätten, Museen, Theater und Bibliotheken (in dieser Reihenfolge) an letzter Stelle.[13] (Jeder fünfte schaut sich von Zeit zu Zeit Tanz an). Sobald es aber um die Frage geht, welche Aktivität die Bürger öfters ausüben möchten, steht Tanz- und Theaterbesuch weit oben, nämlich an zweiter Stelle. [14]Fast jeder zweite möchte mehr. Da fragt es sich, was ihn denn hindert. Bei allen Hindernisgründen schwimmt Tanz & Theater unauffällig im Mittelfeld, beim Hindernisgrund ‘Infrastruktur und Logistik’ prescht es aber hervor. [15] Die Aufschlüsselung der Antworten auf die halb-offengestellten Fragen ist nicht ganz einfach, da Mehrfachnennung möglich war. Auffällig ist allerdings, dass diejenigen, die sich die Mühe gaben, mehrere Gründe anzugeben, zunehmend den Bereich Information(smangel)/Angebot hervorhoben. Andersherum gesagt : fast die Hälfte speist den Frager schnell mit « keine Zeit » (für die Realisierung meines Wunsches nach mehr Tanz & Theater) ab. Doch wenn Befragte ‘in die Tiefe gehen’, ist schon fast jeder dritte mit dem Angebot oder der Information unzufrieden.
Und hier könnte man ansetzen. Informieren, das Angebot evaluieren, gegebenfalls empfehlen und Lust machen - waren das nicht die Aspekte der Tanz-und Theaterkritik ?


[1] Betrag variiert je nach Region
[2] Vasco Boenisch Was soll Theaterkritik ?, Dissertationsarbeit, Bochum 2008
[3] Zu beachten ist, dass die Befragten Theatergänger sind.
[4] ebd. S. 152
[5] SBTG Schweizer Berufsverband für Tanz und Gymnastik
[6] SDT schweizerischer Dachverband der Fachkräfte des künstlerischen Tanzes
[7] Projekt Tanz, Abschlussbericht 2006, S. 31
[8] RESO selbst wird finanziert durch : Bundesamt für Kultur CHF 200’000, Pro Helvetia CHF 200’000, Konferenz der kantonalen Kulturbeauftragten CHF 60’000, Konferenz der Schweizer Städte für Kulturfragen CHF 60’000. Laut Geschäftsleitung ist diese Summe auf 3 Jahre verteilt.
[9] vgl. Jahresbericht 2007 und 2008 jeweils unter Kommunikation : « um die Wahrnehmbarkeit des Tanzes in der Bevölkerung zu verbessern »
[10] S. 6 Jahresbericht Pro Helvetia Pro Helvetia- beweglicher als die Konkurrenz
[11] im Überblick abzurufen unter www.prohelvetia.ch/compass
[12] Informationsverbund Deutschschweiz
[13] Kulturverhalten in der Schweizer. Erhebung 2008, Bundesamt für Statistik, Tabelle G1
[14] ebd. Tabelle G7
[15] ebd. Tabelle G8

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